Aus dem Hinterkopf - ASV "Petri Heil" 1926 e. V. Klein-Auheim

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Aus dem Hinterkopf

75 Jahre ASV




Schaut man die 75 Jahre zurück, so fällt einem etwas auf: schon immer offensichtlich ist der ASV „Petri Heil" Klein-Auheim bestrebt, ein eigenes Domizil sein Eigen zu nennen. Das mag vielfältige Gründe haben: zum Einen das Bestreben, beim Ausüben der Passion - fernab der Ortschaft - bei schlechtem Wetter oder plötzlicher Witterungsänderung, eine Unterschlupfmöglichkeit zu haben. Oder aber Versammlungen, Feiern und sonstigen internen Veranstaltungen eigenständig und unabhängig abhalten zu können. Besitzerstolz und Selbstachtung mögen weitere Motive sein. Denn es ist ja nicht ganz so einfach, ein solches Vorhaben auch auszuführen. Immerhin muß dazu erst einmal ein entsprechendes Grundstück vorhanden sein, dessen Erwerb durch den Verein ja finanziert werden muß. Zum anderen der Wille und die Bereitschaft der Mitglieder, nochmals Geld für die Bauausführung aufzubringen und viel, viel Freizeit zu opfern. Denn ohne Eigenleistung ist ein solches Vorhaben - damals wie heute - wohl kaum für einen Verein zu realisieren. Bedenkt man, daß von den Mitgliedsbeiträgen auch noch der Fischbesatz der Gewässer aufgebracht werden muß - das Anliegen eines Angelvereins überhaupt - so können die Mitglieder mit Recht auf das Geschaffene stolz sein. Vor diesem Hintergrund scheint es geradezu folgerichtig, daß es der ASV durch Umstände, die ihn im Laufe seines Bestehens an wechselnde Gewässer verwies, mittlerweile auf das dritte Vereinshaus gebracht hat. Ganz sicher hat ein jedes seine eigene Entstehungsgeschichte. Und nicht nur das:  ein jeder ist auch möglicherweise Teil der Vereinschronik mit allen Höhen und Tiefen, die der Verein in der jeweiligen Epoche er - und durchlebte. Vom ersten Haus einer kleinen Blockhütte, die einige Jahre vor Ausbruch des 2. Weltkrieges errichtet wurde, ist nicht sehr viel an Details und Begebenheiten überliefert. Ziemlich sicher jedoch kann man auch im Nachhinein behaupten, daß schon damals eine Stätte des Treffens, Feierns und der Kommunikation unter Gleichgesinnten geschaffen wurde.

Als ich 1961 mit 13 Jahren in den Verein kam, hatte man sich mittlerweile schon an einem ehemaligen Kiesbagger-See der Fa. Ott u. Wenzel, ganz in der Nähe des heutigen Flachsrose-Sees, etabliert. Gerne erinnere ich mich daran, wenn Ende Februar, Anfang März das Wasser stieg und einen großen Teil der weitläufigen rechten Uferfläche bedeckte. Hier konnte man an günstigen Tagen vom gräsernen Vorplatz des Weiherhauses, der bis zum Böschungsrand reichte und mit einer einfachen hölzernen Balustrade abgesichert war, das Ablaichen der hechte beobachten - ein Schauspiel ganz besonderer Art. Während das größere Weibchen, der Rogner, durch das nur knietiefe Wasser schoß, wurde es von zwei oder drei kleineren Männchen, den Milchnern, ebenso schnell begleitet, die es in spindelförmigen Bewegungen umwarben und dabei das Wasser geradezu aufpeitschten.  Später dann, im ausgehenden Frühjahr oder im Sommer, wenn der Wasserstand des Sees wieder zur Normalität zurückgefunden hatte, blieben viele kleine Hechtchen in den sich bildenden Tümpeln zurück, Hier konnte man dann sehr schön das Verhalten der noch kleinen Räuber beobachten. Einmal an einem Spätsommertag, schöpften wir Buben mit leeren Konservendosen eine zwischen hohen Büschen versteckte wassergefüllte Mulde leer und förderten auf diese Weise mehr als zwanzig kleine Hechte zutage.

Das Vereinshaus, das sich der Verein an diesem See erbaut hatte, war von Gestalt ein langgestrecktes steinernes Gebäude ohne Keller, ebenerdig- große Leute konnten mit den Händen an die Dachrinne reichen - mit zwei Fenstern und einer Eingangstür, die zum Wasser in östlicher Richtung hinzeigten  Links davon führte eine weitere Tür von außen zu einem Raum, der als Schuppen benutzt wurde und ca. ein Viertel des gesamten   
Gebäudes ausmachte. Hier lagerten Arbeitsgeräte, Baumaterialien, Brennholz, Kohlen, einige Angelgeräte und er Getränkevorrat. Die Toiletten befanden sich an der Stirnseite des linken Gebäudeteils. Nach einem Anbau, der den Gastraum vom Eingang her nach rechts verlängerte, glich das Vereinsheim von außen in seiner Form eher einer etwas zu kurz geratenen Kegelbahn. Im Inneren gab es der Länge nach zwei Tischreihen, die den ganzen Raum bis zur Theke, die sich am rechten Kopfende befand, ausfüllten. Die Theke selbst bestand am Anfang nur aus einem quer gestellten Tisch. Mit dem neuen Ausbau wurde aber dann auch ein Bar ähnlicher Tresen von einigen Mitgliedern gebaut und fortan genutzt. Diese „Hütte", würde sie noch stehen und könnte sprechen, könnte ganz bestimmt viele Geschichten und Geschehnisse aus dem Vereinsleben des ASV erzählen. War die Einrichtung und Ausstattung für heutige Verhältnisse einfach geradezu spartanisch, so hinderte das doch nicht daran, Feste wie zum Beispiel Kappenabende, 1.Mai, Vatertag oder Kerb so urig, rustikal und herzlich zu feiern, daß doch manche Begebenheiten im Gedächtnis verhaftet sind. Daß dabei auch zünftig dem Bier und Wein , sowie dem „Kurzen" zugesprochen wurde, soll hier wenigstens am Rande kurz Erwähnung finden. Da die meisten Mitglieder sowieso zu Fuß oder per Fahrrad zum Feiern kamen, war der Alkoholgenuß weniger ein Problem, als es heute der Fall wäre.

Ich denke heute noch schmunzelnd daran, als wir Buben an einem Vatertag einem Mitglied, das diesen Tag ausgiebig ausgelebt hatte, einen schönen Streich spielten. Bevor der Mann sich endlich anschickte, mit seinem ganzen Angelgerät, den Bahndamm entlang Richtung Heimat zu radeln, füllten wir ihm die Taschen, die vorne an der Lenkstange hing, mit schweren Feldsteinen. Stunden später, wir dachten schon gar nicht mehr an unser Tun, kam suchend seine Frau, weil er zuhause längst überfällig war. Selig schlafend fand sie ihn am Bahndamm nach Hainstadt. Die schwere Tasche hatte ihn - ob seines Zustandes - zur Böschung förmlich hingezogen. Einmal am Boden, konnte er wohl offensichtlich nicht mehr widerstehen, seinem übermächtigen Schlafbedürfnis nachzugeben.

Oder - auch an einem Vatertag- die Story mit dem achtpfündigen Hecht. Als  wir Jungen an jenem warmen Frühlingsvormittag zum Vorplatz am Vereinshaus kamen, fielen uns fast die Augen aus dem Kopf ob dieses für uns riesengroßen Hechtes, der mit geöffnetem Maul, in dem man die großen Fangzähne und hunderte kleine Hechelzähne an Gaumen und Zunge (Unterkiefer) sehen konnte, in seiner ganzen Länge von fast einem Meter an einem kleinen Bäumchen hing. Sein Fänger und die ganze Gesellschaft drum herum feierten das Ereignis mit dem diesem Tage angemessenem Durst und lauter Fröhlichkeit, wobei der Held des Tages bei jedem Neuankömmling die Geschichte des Fanges immer wieder neu von sich geben mußte, was ihm mit fortschreitender Tageszeit, d.h. mit Dauer der Feier, zusehends schwerer fiel. Auch der Hecht veränderte mit der Zeit etwas sein Aussehen. Außer, daß er etwas blasser geworden und die Haut mittlerweile getrocknet war, fanden sich zwischen seinen Zähnen Papierknöllchen, Gras und wie ich noch zu wissen glaube - auch ein Kaugummi. Ich sehe heute noch das Bild vor mir, als am Nachmittag vom Schwiegervater des Mannes der Hecht abgeholt wurde, der - mittlerweile hart wie ein Brett - wie ein solches unterm Arm eingeklemmt, zum Auto transportiert wurde.

Am See und im Vereinshaus fungierte der Gewässerwart und Kassierer des Vereins, Josef Schmied, als Wirt und „Mann für alles". Ein Angler aus Passion und in seinem Bestreben sehr auf das Wohlergehen des Vereins
bedacht. Dieses Bestreben aber war es auch, was ihn dazu brachte, selbst kleine Unachtsamkeiten oder leichte Vergehen der anderen Mitglieder und besonders der Jugend anzuprangern. So war es nicht verwunderlich, wenn bei den Jugendlichen - aber auch einem nicht geringen Teil der Erwachsenen - die Neigung vorhanden war, ihm bei passender Gelegenheit einen Streich zu spielen. Seine Spezialität war das Zanderfischen. Dazu legte der seine Grundangeln, mit Köderfischen bestückt, aus. Direkt an der Treppe, die vom Vorplatz des Vereinshauses zum See hinunterführte. So konnte er während des Angelns am und im Vereinshaus verschiedene Arbeiten verrichten, Gäste bewirten und zwischendurch immer wieder von oben nach der wettergegerbten Bambusrute sehen. War die Aufregung groß, als er einmal einen „Biß" bemerkte, bei dem ihm schon eine ganze Menge Schnur von der Rolle gezogen worden war. Nach angemessenem Warten, Anhieb und längerem Drill, bei den der Gegner - noch unsichtbar - im Wasser mal nach links mal nach rechts flüchtete, konnte der in endlos erscheinenden Minuten um den Fang bangende,  erwartungsfrohe Angler schimpfend und mit entgleisten Gesichtszügen einen Topfdeckel aus Aluminium landen. Tagelanges Schimpfen, Vermuten und Gebrummel waren die Folge.

Ein anderes Mal hing statt des Topfdeckels eine mit Wasser gefüllte Bierflasche an seiner Angel. Daß er bei diesem „Biß" vor lauter Aufregung vergaß, vor dem Anhieb die Rollenbremse festzuziehen, steigerte den Verdruß ins Uferlose. Tagelang war er anschließend am Feierabend vor sich hingrollend damit beschäftigt, die dadurch entstandene „Perücke" (Knäuel mit schlimm verwirrter Angelschnur) wieder aufzulösen. Bleibt noch zu erwähnen, daß er ernsthaft dem Jugendlichen, der ihm diesen Streich spielte, drohte, ihn aus dem Verein zu werfen, was aber dank eines augenzwinkernden Vorsitzenden, Karl Jung, nicht erfolgte.

Einmal, es war zur Winterzeit, Josef Schmied war gerade emsig bemüht das Vereinsheim mit dem Kanonenofen behaglich auszuheizen und ging mit Eifer seiner Beschäftigung nach, als sich draußen, an der Rückseite des Hauses etwas tat. Wie schon erwähnt, war das Dach vom Boden aus relativ leicht zu erreichen. So bildeten mir zwei Erwachsene eine „Baumleiter", damit ich vorsichtig die Ziegelabdeckung des Hauses betreten konnte. Einen kleinen Eimer in der Hand haltend, näherte ich mich dann langsam und vorsichtig dem Schornstein. Oben angekommen stülpte ich dann auftragsgemäß den Eimer auf das Ende des Kaminrohrs. Nach diesem gelungenen Akt fanden sich alle Beteiligten mit dem unauffälligsten und unschuldigsten Gesichtsausdruck im Innern des Hauses ein. Dort bannte sich schon nach wenigen Minuten ein erbitterter Zweikampf des Josef Schmied mit dem sich plötzlich sträubenden Ofen an. Aus allen verfügbaren Ritzen ließ dieser Wärmespender beißenden Qualm austreten. Ein Phänomen, das sicher bis dahin noch nicht aufgetreten war und unseren „Seppel" schier zur Verzweiflung brachte. Ofenklappe auf, Ofenklappe zu, Kopfschütteln, Schimpfen, Wundern, Brummeln, Ofenklappe auf - neu anzünden schnell wieder zu. Mit jedem Öffnen kam sofort noch viel mehr Rauch in den mittlerweile schon wie von Nebelschwaden durchzogenen Raum. Innerlich schmunzelnd und bei ernstem Gesicht, mit fachlichen Ratschlägen nicht zurückhaltend, genossen wir Wissenden unseren Streich, während unser Opfer vor Verzweiflung  und Ratlosigkeit hin und her rannte. Ja, sogar nach draußen eilte er, um den Rauchabzug zu kontrollieren. Gottseidank war die Nacht so dunkel, daß er - vielleicht auch vor Aufregung - den Eimer auf dem Abzugsrohr nicht entdeckte, was sicherlich einer mittleren Katastrophe gleichgekommen wäre. Nachdem dieses Spiel sich einige Zeit hinzog, holten wir- von ihm unbemerkt - den Eimer wieder herunter und die Nerven des Josefs beruhigten sich an den nun plötzlich auflodernden Flammen im Ofen - nicht ohne sein ständiges Kopfschütteln über das unerklärbare Ereignis, das ihn mit Sicherheit noch lange ins Grübeln brachte. Mit Unschuldsmienen, das Geschehene ab und an kommandierend, verbrachten wir anderen den Abend im Weiherhaus - bei immer noch leicht beißendem Brandgeruch. Josef Schmied hat meines Wissens nach nie - und das war auch gut so - die Wahrheit erfahren.

So gäbe es sich noch die eine oder andere der Geschichten zu erzählen, die sich in der oder um das ehemalige Gemäuer abspielten und in Erinnerung geblieben sind. Zeitliche Gründe und vor allem der Platz, der in dieser Festschrift zur Verfügung steht, verhindern jedoch dieses Ansinnen. Sie zu Papier zu bringen, wäre gleichwohl eine zwar etwas mühsame aber lohnende Aufgabe für die langjährigen Mitglieder, weil solche niedergeschriebenen Geschichten und Anekdoten die Vereinschronik doch mit lebendigen Bildern begleiten, in denen sich auch gesellschaftlicher Wandel und Zeitgeist widerspiegeln.



 
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